Echte Gleichstellung entsteht nicht von allein
Auch im Jahr 2026 markieren der Equal Pay Day am Freitag, 27. Februar, und der Equal Care Day stellvertretend für den 29. Februar am Sonntag, 1. März, zwei zentrale Daten im Kalender der Gleichstellungspolitik. Beide Tage machen auf strukturelle Ungleichheiten aufmerksam, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind: die ungleiche, jeweils geschlechtsspezifische Bezahlung von Lohnarbeit und die Verteilung von Sorge- und Fürsorgearbeit.
„Eure Suppe läuft vom Löffel, die Zahnbürste reicht nicht bis zu den Backenzähnen und eurem Hammer fehlt die Schlagfläche – Gegenstände werden unbrauchbar, wenn ihnen 16 Prozent fehlen.“ Mit diesen Worten beschreibt der Business and Professional Women (BPW) Germany e.V. seine diesjährige Kampagne zum Equal Pay Day. Verbildlicht wird dies durch die Darstellung verschiedener Alltagsgegenstände, denen 16 Prozent fehlen. Unter dem Motto „equal pay every day“ rückt die Kampagne 2026 in den Fokus, wie sich die geschlechterspezifische Lohnlücke im Laufe des Lebens entwickelt und auswirkt. Der Equal Pay Day symbolisiert den Gender Pay Gap, der für den Vergleich der durchschnittlichen Einkommen aller Arbeitnehmender steht. 2024 erhielten Frauen in Deutschland einen um 16 Prozent geringeren Stundenlohn als Männer. Rechnerisch bedeutet das: Frauen arbeiten bis zum 27. Februar unbezahlt, während Männer bereits seit dem 1. Januar für ihre Arbeit entlohnt wurden. Auch wenn sich die Lohnlücke in den vergangenen Jahren leicht verringert hat, bleibt sie Ausdruck struktureller Benachteiligung. „Branchen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, werden häufig schlechter vergütet, das ändert sich in der Regel auch nicht mit einer guten Qualifikation. Teilzeitarbeit und unterbrochene Erwerbsbiografien zugunsten häuslicher Sorgearbeit, tragen außerdem zu einer steigenden Lohnungleichheit bei.“, erklärt Maret Bening, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Uelzen. Hinzu kommen strukturelle Diskriminierungen und eine geringere Bewertung sogenannter „typischer Frauenberufe“.
Doch Einkommen ist nur ein Teil der Realität. Der Equal Care Day, der eigentlich am 29. Februar stattfindet – ein Datum, das nur alle vier Jahre erscheint – macht damit symbolisch sichtbar, dass Frauen, insbesondere in heterosexuellen Kleinfamilien, viermal so viel unbezahlte Sorgearbeit leisten wie Männer. Die von Frauen geleistete Sorgearbeit bleibt ebenso unsichtbar wie der 29. Februar in Nicht-Schaltjahren. Der Equal Care Day lenkt den Blick auf eben jene unbezahlte Sorgearbeit – Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushaltsorganisation und den sogenannten Mental Load, also die unsichtbare Planungs- und Koordinationsarbeit im Alltag. Ohne diese Arbeit würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren – dennoch bleibt sie ökonomisch weitgehend unsichtbar und gesellschaftlich oft als „selbstverständlich“ vorausgesetzt.
Beide Themen, die Gender Care Gap und die Gender Pay Gap, sind eng miteinander verknüpft: Wer mehr unbezahlte Care-Arbeit übernimmt, hat weniger Zeit für Erwerbsarbeit, geringere Aufstiegschancen und verdient im Durchschnitt weniger. Die Folgen reichen bis ins Alter – Frauen sind deutlich häufiger von Altersarmut betroffen. Gleichstellungspolitik muss daher immer auch Care-Politik sein.
Aus einer intersektional-feministischen Perspektive wird deutlich, dass nicht alle Frauen in gleicher Weise betroffen sind. Geschlecht überschneidet sich mit weiteren Diskriminierungsformen wie Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, Alter, sexueller Identität oder sozialem Status. „Queere Personen, insbesondere trans- und intergeschlechtliche sowie nicht-binäre Personen werden weder in den Diskursen noch in den Statistiken zum Equal Care Day oder zum Equal Pay Day berücksichtigt.“, bemerkt Jorah Tabea Begemann, Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf, kritisch. Menschen mit Behinderung, migrantisierte Menschen oder Alleinerziehende sind oft mehrfach benachteiligt. Sie arbeiten überdurchschnittlich häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder im Niedriglohnsektor – etwa in der Reinigung, dem Einzelhandel oder in der häuslichen Betreuung. Gleichzeitig übernehmen sie oft selbst umfangreiche Sorgearbeit.
Gleichstellung bedeutet daher mehr als gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Sie bedeutet, gesellschaftliche Strukturen so zu verändern, dass Sorgearbeit gerecht verteilt, fair bewertet und besser unterstützt wird. Dazu gehören eine bessere Bezahlung in sozialen Berufen, der Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung, flexible und partnerschaftliche Arbeitszeitmodelle sowie eine Reform steuer- und sozialpolitischer Rahmenbedingungen, die eigenständige Existenzsicherung fördern statt traditionelle Rollenmodelle zu verfestigen.
Auch auf kommunaler Ebene können und müssen wir unseren Beitrag leisten. Kommunen gestalten Rahmenbedingungen für Familien, schaffen Betreuungsangebote, sind Arbeitgeberinnen und setzen Impulse für eine gerechte Stadt- und Regionalentwicklung. Gleichstellung ist eine Querschnittsaufgabe, die Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam tragen.
Der Equal Pay Day und der Equal Care Day sind daher nicht nur symbolische Daten. Sie sind Anlass zur Bestandsaufnahme und zum Handeln. Eine gerechte Gesellschaft misst sich daran, wie sie Arbeit bewertet – sowohl bezahlte als auch unbezahlte. Sie misst sich daran, ob alle Menschen unabhängig von Geschlecht oder anderen Zuschreibungen gleiche Chancen auf wirtschaftliche Unabhängigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben haben.
„Gleichstellung ist eine demokratische Grundfrage. Sie betrifft uns alle. Lassen Sie uns die beiden Aktionstage nutzen, um bestehende Strukturen zu hinterfragen und konkrete Schritte in Richtung mehr Entgeltgerechtigkeit und Care-Gerechtigkeit zu gehen. Denn echte Gleichstellung entsteht nicht von allein – sie braucht Sichtbarkeit, politischen Willen und gemeinsames Engagement“, sind sich die beiden Gleichstellungsbeauftragten einig.
Zum weiteren, persönlichen Austausch stehen die Gleichstellungsbeauftragten Uelzens am Sonntag, 8. März, im Neuen Schauspielhaus Uelzen zur Verfügung. Dort wird anlässlich des Internationalen Frauentags eine offene Netzwerk-Veranstaltung am Nachmittag ab 16 Uhr sowie das Female Voices Festival mit Gesang und Performancekunst am Abend ab 19 Uhr stattfinden.
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